Einfühlung

Dieses Wort gehörte zur Gegenpartei. Ich hatte von Brecht gelernt, nicht so romantisch zu glotzen. Es gelte, sich im Theater zurückzulehnen und eine distanzierte, abwägende Haltung einzunehmen. Auch die Darsteller sollten zu ihrer Rolle Distanz halten, damit sich zeige: Dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist. Er ist aber nicht nur so vorstellbar, wie er ist, sondern auch anders, so wie er sein könnte, und auch die Verhältnisse sind anders vorstellbar, als sie sind.

Harun Farocki über Einfühlung

Occupy Film Narration

Sicher grenzt es an schamlosen Opportunismus im medialen Gedränge auf den antikapitalistischen Zug aufzuspringen und den hoch erhobenen Zeigefinger vor den Gesichtern jener Leute moralisch entrüstet herumzuwedeln, die man wenige Tage zuvor möglicherweise noch als große Filmemacher tituliert hätte. Aber es geht nunmal nicht um Kritik an Personen, und an "den anderen" schon gar nicht, es geht um das Sytem. Jenes System, das auch die konsequentesten Verweigerer auf die ein oder andere Art in sich tragen und dessen Kategorien, so scheint es mir manchmal, jeden noch so kleinen Aspekt des Lebens durchdringen oder doch zumindest nachhaltig prägen.

Dass eine Kunst wie das Kino, die sich weitestgehend in eine auf beiderseitige Gewinnmaximierung ausgelegte Beziehung zur Industrie eingelassen hat, davon nicht auszunehmen ist, nimmt nicht Wunder. Im gleichen Atemzug, in dem wir diese Wahrheit in Abgleich mit unserer unmittelbaren Realität abgeglichen und verifiziert haben, kann es aber wohl nicht schaden, sich das Ausmaß der gegenseitigen Einverleibung ins Bewusstsein zu rufen. Hier lässt sich etwa gleich mit der banalen etymologischen Verwandtschaft der Worte zählen und erzählen beginnen, zweier Tätigkeiten also, die in Bezug auf die Filmproduktion keine kleine Rolle spielen. Wenn auch der sprachkritisch Einstieg an dieser Stelle alles andere als originell sein mag, kommt mir kein direkterer Weg in den Sinn das Ökonomische und das Narrative miteinander zu verbinden, im Grunde gleich über das Ziel dieser Verbindung hinaus zu schießen, und von einer Erzählökonomie zu sprechen, die im Kino allgegenwärtig ist.

Schreiten wir die hochverherte Ahnengalerie filmisch-avancierter Erzählungen hinab und ergötzen uns an der immer wieder beschworenen Wirkung einzelner Werke auf die Filmgeschichte, gelangen wir am Ende dieses prächtigen Korridors, der links und rechts mit allseits bekannten Filmplakaten geschmückt ist, zum bitteren Ende, nämlich zu dem Bereich, an dem gänzlich unmetaphorisch im Filmmuseum die Poster der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre hängen. Alles Filme, die eine kurzzeitge Unterhaltung versprechen und darüber hinaus auch keine Ansprüche erheben, deren mangelnde Erfüllung man einklagen könnte. Sie sind für den kurzzeitigen Konsum ausgelegt, operieren in einem vertikalen Schema, an dessen unterem Ende der zahllose male verdaute Müll landet. Aber nicht nur die Marktplatzierung funktioniert hier nach ökonomischen Kriterien, auch die Erzählung gibt immer genau das weiter, das nach Meinung der Filmmacher dazu reicht, die Handlung nachvollziehen zu können. Die Exposition ist saftig-informationsreich, danach wird es dünner, dafür aber werden genau die Elemente in ein Spannungsverhältnis gebracht, die zuvor informationstechnisch unterfüttert wurden. Die Ernte wird einegfahren in Form von Lachern, Thrill oder romantischen Zuckungen. Irritationen sind nicht zu erwarten, weil im Normalfall in endlosen Wiederholungen alle falschen Fährten, alle Abweichungen aus der Geschichte eliminiert wurden.

Warum behandeln mich die meisten Filme also wie ein zahnloses Kleinkind, das nur dann überleben kann, wenn es die Nahrung, die seine Eltern für die richtige halten, in den ebenso bemessenen Portionen zu sich nehmen kann. Das Kino verhält sich so, als sei Erzählung ein wertvolles gut, das nur in exakt bemessenen Mengen ausgegeben werden kann, um das am Ende unter dem Strich stehende und gewünschte Ergebnis nicht zu verfälschen. Im Sinne einer Hinterfraggung dieser hier ins Bewusstsein gerufenen Muster, plädiere ich für eine antikapitalistische Wendung der narrativen Ökonomie. Gebt uns mehr oder weniger, aber bitte nicht die gleichen Dosen wie zuvor.

Vorwärts nach weit!

Obwohl Hannover nicht gerade als Olymp der Dichter und Denker bekannt ist, zeigen die Anhänger der lokalen Fußballmannschaft eine unerwartete Affinität für dadaistische Dichtkunst. Von einer euphorischen Aufbruchsstimmung möchte ich aber bei meinem letzten Besuch ausdrücklich nichts gespürt haben, von "nach weit" kann also keine Rede sein. Und falls dann in einer nicht weiter definierten Zukunft das Rathaus als sozialdemokratische Bastion fallen sollte, wird die Vorwärts auch nicht amüsiert darüber sein.

Geisterradler

Innere Luftschlacht

"Es steht schon 4:1!" gröhlt der Zugbegleiter durch die Lautsprecher, die nicht vorhandenen R-Laute rollend. "Wir fegen die Engländer weg!" jubiliert er weiter, als gelte es die "Tommies" von einer Landung in der Normandie abzuhalten. Bringt denn keiner den Angestellten der Bahn mehr bei, dass sich bei Nationalitäten der metonymische Singular ziehmt?

Und im Leben geht's oft her wie in einem Film von Rhomer.
Und um das alles zu begreifen
Wird man was man furchtbar hasst, nämlich Cineast,
Zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.
Meine Freundin und ihr Freund (Tocotronic)

Kleine Freuden (1)

Auf der Fahrt am 23. Dezember im Auto nicht "Driving home for christmas" hören.

Sprachkritik im Fall Enke

Die kritische Anmerkung Michael Preidels, den Selbstmord des Torhüters Robert Enke als gewählten Freitod zu bezeichnen wäre gleichermaßen unlogisch wie unrichtig, bewegt mich doch tatsächlich dazu, den ersten Blogeintrag seit einer halben Ewigkeit zu verfassen.

Vorweg gleich eine kleine Relativierung: es gibt in der Sprache für viele Formulierungen feste Begrifflichkeiten, deren Nichtbeachtung zumindest ungewohnt klingt. Eine Wahlschlappe kassiert oder erhält man, eine Verletzung erleidet man – der Freitod wird, so will es zumindest der allgemeine Sprachgebrauch, gewählt. Insofern liegt diese sicherlich zurecht kritisierte Formulierung zu einem guten Teil auch im alltäglichen Sprachgebrauch und nicht nur in der individuellen Anwendungen der vielen Blogger und Journalisten, die für ihren Kommentar zu dem Vorfall die Formulierung "Enke wählt den Freitod" verwendet haben.

Wie Michael Preidel nun kritisiert, habe Robert Enke den Freitod nicht als Ausdruck seines autonomen Subjekts gewählt – der Selbstmord sei schließlich eine direkte Folge der Krankheit unter der Enke litt. Von einer freien Wahl könne keine Rede sein, weil die Depression ihn dazu getrieben habe.

Im ersten Moment war ich dazu geneigt unumwunden zuzustimmen und mich dieser Einsicht anzuschließen. Einen nach langer Depression begangenen Selbstmord als Freitod zu bezeichnen, hieße ja wirklich die Krankheit zu verharmlosen und sie von der Schuld am Tod Enkes freizusprechen. Anders herum muss man jedoch fragen, ob es denn nach dieser Logik einen frei gewählten Selbstmord überhaupt geben kann, oder ob nicht alle Selbstmörder, seien es nun prominente Musiker, Schriftsteller oder andere Künstler, die ihrer Zuschreibung als melancholisches Genie nachkommen, oder Menschen wie du und ich, an einer diagnostizierten oder auch nicht diagnostizierten Depression leiden oder gelitten haben. Mir fällt kein Gegenbeispiel ein.

Insofern muss man tiefer bohren und fragen, ob es denn einen "gewählten Freitod" überhaupt geben kann oder ob nicht das Konzept des Freitod nichts per se eine Verharmlosung oder sogar Verherrlichung einer depressiven Tendenz ist. Alle Selbstmörder werden von etwas angetrieben, sei es nun eine unmögliche Liebe, Selbsthass, Einsamkeit oder alles zusammen. Wer keine scheinbar unüberwindbaren Probleme hat, der mit sich herumschleppt, gilt nicht als suizidgefährdet und darf sich als (mehr oder weniger) "psychisch gesund" betrachten. Zumindest im Zusammenhang mit einer Depression scheint mir das Problem nicht das Verb "wählen" zu sein, sondern generell die Formulierung von einem freien Tod zu sprechen.

Ein Mensch, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, kann wiederum die "aktive Sterbehilfe" in Anspruch nehmen, wenn man gewillt ist diese Formulierung zu benutzen. Wenn man die Unheilbarkeit seines Leidens voraussetzt und damit ebenfalls akzeptiert, dass dieser Mensch seiner Krankheit erliegen wird, scheint mir wiederum der Selbstmord durchaus etwas "befreiendes" zu beinhalten. Zwar kann man voraussetzen, dass die Menschen, die eine aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen oder dies zumindest tun möchten, dies nicht täten, wenn sie nicht an einer schweren Krankheit litten, aber durch diesen Eingriff in ihr Leben, greifen sie der Krankheit vor und nehmen ihr das Sterben vorweg – unter den Umständen, die sie sich selber aussuchen. Sicher ist ein Freitod angesichts des unabwendbaren Endes keine grundsätzlich freie Entscheidung, aber gegenüber dem "natürlichen Tod" erschließt er immerhin die Freiheit, den Zeitpunkt, den Ort und die Rahmenbedingungen selber zu wählen.

Mir geht es ausdrücklich hier nicht darum das Pro und Contra der aktiven Sterbehilfe und ihre Legalität in Deutschland zu diskutieren. Mir ging es lediglich um den Sinn und Unsinn des Wortes Freitods und die implizierten Konsequenzen.

Fokusproblem

Wie bitte eigentlich schmeckt doch gleich Tee, bevor er fast vollständig abgekühlt oder bitter ist?

Das Leben ist eine Achterbahnfahrt. Das gilt besonders für den Regionalexpress nach Erfurt.