Erkennen und Erkenntnis

Gefunden, auch gesucht?

Wer einen Werbegeschenk-Kuli des Blumengroßhändlers Winkelhorst aus Bottrop-Kirchhellen vermisst, weil er ihn möglicherweise in einer Bibliotheksausgabe der Theorie der Ironie von Uwe Japp vergessen hat, möge sich bitte an dieser Stelle melden. Ich bewahre den Stift auf und verwalte ihn treuhändlerisch.

Einstürzende Neubauten

Mit meinem Körper geht es steil bergab momentan. Wenn das sture Ding weiter so herum zickt, setze ich es an der nächsten Raststätte aus und geistere lieber als immaterielle Erscheinung durchs Internet, schaue mir ein paar Clips auf YouTube an und warte solange bis ich mir meinen Wunschkörper frei Haus liefern lassen kann.

Das Maß für Dinge

Ein englischer Bekannter hat mir erklärt für welche Anwendungsgebiete man welche Einheit verwendet. Ausschlaggebend, ob man Inch oder das metrische System als Maß nimmt, ist die historische Tradition des zu messenden Gegenstands. Während das Messen von Tischen in Großbritannien offenbar keine große Tradition hat, also die Maße eines Esstisches deshalb typischerweise in Zentimetern angegeben werden würde, kann das Messen der Körpergröße auf eine lange Geschichte zurückschauen und wird deshalb in Inch beziffert.

Im deutschen Sprachgebrauch existieren dabei übrigens ähnliche Paradoxa. Die Einwohnerzahl von Köln würde in einem Fernsehbericht, wenn davon die Rede wäre, zum Beispiel mit einer knappen Million angegeben. Wenn wir aber vom Dörfchen Bullenkuhlen im Landkreis Pinneberg sprechen, wird anstelle der Einwohnerzahl in den Medien meist die Zahl der dort lebenden Seelen angegeben. Der Zusammenhang ist mir persönlich, wie ich ehrlich gestehen muss, nie ganz klar geworden, auch in der Schule sind meine Lehrkörper nie darauf zu sprechen gekommen. Als findiger Geist habe ich mir jedoch dazu bereits einige Theorien zurechtgelegt.
  1. Anstelle der Einwohnern wird bei kleinen Dörfern, in denen üblicherweise hauptsächlich alte Menschen leben die Zahl der Seelen angegeben, weil man in dem Fall die rastlosen Seelen der erschlagenen Hausfrauen und vergifteten Ehemänner, die sich immer noch im größeren Umkreis ihrer ehemaligen Wohnstätte umher treiben, mitzählen kann und so insgesamt auf eine Zahl gelangt, die deutlich höher ist als die nackte Einwohnerzahl und dementsprechend mehr Gelder aus der Kommunalsteuer abzweigen kann, was der dörflichen Infrastruktur letzten Endes zu Gute kommt.
  2. Weil man trotz der kleinen Fläche auch in winzigen Dörfern selten jemanden auf der Straße trifft, macht es sich das zuständige Ordnunsgamt einfacher, indem es einfach mit einem Seelenzähler im Schritttempo durch das Dorf fährt und dabei immerhin einen groben Richtwert ermitteln kann, der nicht zwangsläufig auch der Einwohnerzahl entsprechen muss, aber insgesamt für den Staat billiger kommt als an jeder Haustür zu klopfen.
  3. Ähnlich wie bei der englischen Zählweise hat die Bevölkerungsmessung in kleinen Gemeinden eine Tradition, die bis in das feudale System des Mittelalters zurückreicht und dort von Mönchen des nächstgelegenen Klosters übernommen wurde. Diese haben natürlich aufgrund ihrer Gottesfurcht nicht bloß die Schäfchen des Herrn gezählt, sondern die Seelen, deren Heil man noch retten kann, insofern die Dorfbewohner denn zu einer kleinen Ablasszahlung bereit sind.
  4. Das dörfliche Leben ist einfach im Gegensatz zum hektischen Trieben in der Stadt weniger entfremdet und deutlich entspannter, so dass Dorfbewohner im allgemeinen viel netter sind als arrogante Großstädter, weshalb man sie auch als "Seele von einem Menschen" verallgemeinern kann und dieses Lob in die Bevölkerungsstatistik Eingang gefunden hat.

Lem, später

Gut zwei Jahre ist Stanisław Lem mittlerweile tot, damals waren sämtliche Blogs und Magazine voll von Nachrufen, alle wollten kleine Lemminge sein, wenn mir dieses famose Wortspiel gestattet ist, und erst jetzt kürzlich habe ich endlich geschafft, mir Eden zu Gemüte zu führen, obendrein noch als schnödes Hörbuch. Da ich durchaus eine diffuse Affinität zu dem habe, was bei Paleo-Future regelmäßig als Retro-Scifi herausgekramt wird – die Zukunft der frühen 80er Jahre gefiel mir immer schon besser als die gegenwärtige – ist Lem aus dem Jahre 1960 allein als historisches Dokument amüsant.

Dabei ist Eden selbstverständlich kein Groschenroman "mit Weltraumgedöns". Die Situation der namenlosen Hauptfiguren – die Landung auf einem unbekannten Planeten – wird tatsächlich nicht nur für billige dramaturgische Effekte ausgeschlachtet, sondern dient als Anlass über Menschlichkeit, Zivilisation und Fremdheit zu reflektieren. Auch die Erfahrungen eines Lebens in einem totalitären System klingen an, was bei einem polnischen Autor um die Zeit auch biographisch schlüssig scheint.

Aktuell jedenfalls alle mal, besonders wenn man an Schlagworte wie "Überfremdung" denkt, mit der die NPD und Konsorten die Angst vor einer "ausserkulturellen Begegnung der dritten Art" schüren möchten.

Hospital

Er schüttelt abwehrend die Hand und kneift seine getrübten Augen zusammen. "Ich weiß. Ich finde meinen Weg" sagt er mit seinem russischen Akzent, der so klischeehaft russisch klingt wie in amerikanischen Filmen aus dem kalten Krieg. Mit einem Lächeln klopft er mir väterlich auf die Schulter. "Sie sind ein netter Mensch" lobt er mich und schlurft in Richtung Fahrstuhl. Für einen Moment habe ich ihm geglaubt.

Drei Wege, glücklicher zu werden

Der erste, der in die Höhe geht, ist: so weit über das Gewölke des Lebens hinauszudringen, daß man die ganze äußere Welt mit ihren Wolfgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen sieht. - Der zweite ist: gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, daß, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum, und ein Sonnen- und Regenschirm ist. - Der dritte endlich, den ich für den schwersten und klügsten halte, ist der, mit den beiden andern zu wechseln.
Jean Paul, Vorrede zu Quintus Fixlein

Plädoyer für mittellose Musiker

Der Musiker einer Band, die neulich bei Tracks vorgestellt wurde, deren Name mir aber schon wieder entfallen ist (weil er schlicht zu wenig einprägsam war und zu allem Übel noch mit "The" anfing), beschwerte sich im Interview darüber, dass niemand mehr etwas selber herstelle, es ginge nur noch darum zu vermarkten und abzukassieren. Das ist, gerade im Bezug auf die Musikindustrie, ganz im Sinne Hannah Arendts gedacht, auch wenn der Herr das vermutlich nicht explizit gemeint hat.

Das Leben eines mittelmäßig bekannten Popmusikers, dem es also nicht ausschließlich auf den kommerziellen Erfolg seines Kulturprodukts ankommt, ist vermutlich genauso wenig ein Zuckerschlecken wie jedes andere Leben mittelmäßig bekannter bis unbekannter Menschen auch. Der Vorteil für den Rest der Welt ist allerdings zumindest teilweise die Musik, die dabei rumkommt. In Zeiten der Automatisierung, also der tendenziellen Entmenschlichung alltäglicher Prozesse – auch die Brötchen morgens werde ich mir vermutlich bald selber nehmen und einem Automaten dafür das Geld in den Rachen schieben – scheint es Zeit dem stupiden Broterwerb (Stichwort "Wir nennen es Arbeit") den knochigen Mittelfinger zu zeigen und dafür den lieben langen Tag auf der Gitarre herum zu schrakkeln, ganz so wie good ol' Jimmy es zu tun pflegte.

Mein Zelt ist meine Festung

Palast aus Stahl

Der "selektive Rückbau" des Palasts der Republik dreht die Textzeile von Kante "wie Skelette von Häusern im Entstehen" einfach um. Zugegeben, "... von Häusern beim Verrotten" singt sich nicht so flüssig. Was kostet der Spaß doch gleich? Verdammt teures Begräbnis, ein einfacher Holzsarg hätte es doch auch getan. Aber die Einstürzende Neubauten DVD, die dabei raus gekommen ist, war es vermutlich wert.

Es wundert mich im Nachhinein direkt, dass niemand auf die Idee gekommen ist, den ganzen Bau einfach nach Bangladesch zu verschiffen, um ihn dort dann unter der sengenden Sonne neben riesigen Schiffswracks von verarmten Bauern mit bloßen Händen filmästhetisch wertvoll demontieren zu lassen. Stahl ist bekanntlich das rostige Gold.

Surprise!

[...] Im Killertal [...] sind in der Nacht drei Frauen ums Leben gekommen.
meldet die NZZ.

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