Sprachkritik im Fall Enke
Die kritische Anmerkung Michael Preidels, den Selbstmord des Torhüters Robert Enke als gewählten Freitod zu bezeichnen wäre gleichermaßen unlogisch wie unrichtig, bewegt mich doch tatsächlich dazu, den ersten Blogeintrag seit einer halben Ewigkeit zu verfassen.
Vorweg gleich eine kleine Relativierung: es gibt in der Sprache für viele Formulierungen feste Begrifflichkeiten, deren Nichtbeachtung zumindest ungewohnt klingt. Eine Wahlschlappe kassiert oder erhält man, eine Verletzung erleidet man – der Freitod wird, so will es zumindest der allgemeine Sprachgebrauch, gewählt. Insofern liegt diese sicherlich zurecht kritisierte Formulierung zu einem guten Teil auch im alltäglichen Sprachgebrauch und nicht nur in der individuellen Anwendungen der vielen Blogger und Journalisten, die für ihren Kommentar zu dem Vorfall die Formulierung "Enke wählt den Freitod" verwendet haben.
Wie Michael Preidel nun kritisiert, habe Robert Enke den Freitod nicht als Ausdruck seines autonomen Subjekts gewählt – der Selbstmord sei schließlich eine direkte Folge der Krankheit unter der Enke litt. Von einer freien Wahl könne keine Rede sein, weil die Depression ihn dazu getrieben habe.
Im ersten Moment war ich dazu geneigt unumwunden zuzustimmen und mich dieser Einsicht anzuschließen. Einen nach langer Depression begangenen Selbstmord als Freitod zu bezeichnen, hieße ja wirklich die Krankheit zu verharmlosen und sie von der Schuld am Tod Enkes freizusprechen. Anders herum muss man jedoch fragen, ob es denn nach dieser Logik einen frei gewählten Selbstmord überhaupt geben kann, oder ob nicht alle Selbstmörder, seien es nun prominente Musiker, Schriftsteller oder andere Künstler, die ihrer Zuschreibung als melancholisches Genie nachkommen, oder Menschen wie du und ich, an einer diagnostizierten oder auch nicht diagnostizierten Depression leiden oder gelitten haben. Mir fällt kein Gegenbeispiel ein.
Insofern muss man tiefer bohren und fragen, ob es denn einen "gewählten Freitod" überhaupt geben kann oder ob nicht das Konzept des Freitod nichts per se eine Verharmlosung oder sogar Verherrlichung einer depressiven Tendenz ist. Alle Selbstmörder werden von etwas angetrieben, sei es nun eine unmögliche Liebe, Selbsthass, Einsamkeit oder alles zusammen. Wer keine scheinbar unüberwindbaren Probleme hat, der mit sich herumschleppt, gilt nicht als suizidgefährdet und darf sich als (mehr oder weniger) "psychisch gesund" betrachten. Zumindest im Zusammenhang mit einer Depression scheint mir das Problem nicht das Verb "wählen" zu sein, sondern generell die Formulierung von einem freien Tod zu sprechen.
Ein Mensch, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, kann wiederum die "aktive Sterbehilfe" in Anspruch nehmen, wenn man gewillt ist diese Formulierung zu benutzen. Wenn man die Unheilbarkeit seines Leidens voraussetzt und damit ebenfalls akzeptiert, dass dieser Mensch seiner Krankheit erliegen wird, scheint mir wiederum der Selbstmord durchaus etwas "befreiendes" zu beinhalten. Zwar kann man voraussetzen, dass die Menschen, die eine aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen oder dies zumindest tun möchten, dies nicht täten, wenn sie nicht an einer schweren Krankheit litten, aber durch diesen Eingriff in ihr Leben, greifen sie der Krankheit vor und nehmen ihr das Sterben vorweg – unter den Umständen, die sie sich selber aussuchen. Sicher ist ein Freitod angesichts des unabwendbaren Endes keine grundsätzlich freie Entscheidung, aber gegenüber dem "natürlichen Tod" erschließt er immerhin die Freiheit, den Zeitpunkt, den Ort und die Rahmenbedingungen selber zu wählen.
Mir geht es ausdrücklich hier nicht darum das Pro und Contra der aktiven Sterbehilfe und ihre Legalität in Deutschland zu diskutieren. Mir ging es lediglich um den Sinn und Unsinn des Wortes Freitods und die implizierten Konsequenzen.
Vorweg gleich eine kleine Relativierung: es gibt in der Sprache für viele Formulierungen feste Begrifflichkeiten, deren Nichtbeachtung zumindest ungewohnt klingt. Eine Wahlschlappe kassiert oder erhält man, eine Verletzung erleidet man – der Freitod wird, so will es zumindest der allgemeine Sprachgebrauch, gewählt. Insofern liegt diese sicherlich zurecht kritisierte Formulierung zu einem guten Teil auch im alltäglichen Sprachgebrauch und nicht nur in der individuellen Anwendungen der vielen Blogger und Journalisten, die für ihren Kommentar zu dem Vorfall die Formulierung "Enke wählt den Freitod" verwendet haben.
Wie Michael Preidel nun kritisiert, habe Robert Enke den Freitod nicht als Ausdruck seines autonomen Subjekts gewählt – der Selbstmord sei schließlich eine direkte Folge der Krankheit unter der Enke litt. Von einer freien Wahl könne keine Rede sein, weil die Depression ihn dazu getrieben habe.
Im ersten Moment war ich dazu geneigt unumwunden zuzustimmen und mich dieser Einsicht anzuschließen. Einen nach langer Depression begangenen Selbstmord als Freitod zu bezeichnen, hieße ja wirklich die Krankheit zu verharmlosen und sie von der Schuld am Tod Enkes freizusprechen. Anders herum muss man jedoch fragen, ob es denn nach dieser Logik einen frei gewählten Selbstmord überhaupt geben kann, oder ob nicht alle Selbstmörder, seien es nun prominente Musiker, Schriftsteller oder andere Künstler, die ihrer Zuschreibung als melancholisches Genie nachkommen, oder Menschen wie du und ich, an einer diagnostizierten oder auch nicht diagnostizierten Depression leiden oder gelitten haben. Mir fällt kein Gegenbeispiel ein.
Insofern muss man tiefer bohren und fragen, ob es denn einen "gewählten Freitod" überhaupt geben kann oder ob nicht das Konzept des Freitod nichts per se eine Verharmlosung oder sogar Verherrlichung einer depressiven Tendenz ist. Alle Selbstmörder werden von etwas angetrieben, sei es nun eine unmögliche Liebe, Selbsthass, Einsamkeit oder alles zusammen. Wer keine scheinbar unüberwindbaren Probleme hat, der mit sich herumschleppt, gilt nicht als suizidgefährdet und darf sich als (mehr oder weniger) "psychisch gesund" betrachten. Zumindest im Zusammenhang mit einer Depression scheint mir das Problem nicht das Verb "wählen" zu sein, sondern generell die Formulierung von einem freien Tod zu sprechen.
Ein Mensch, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, kann wiederum die "aktive Sterbehilfe" in Anspruch nehmen, wenn man gewillt ist diese Formulierung zu benutzen. Wenn man die Unheilbarkeit seines Leidens voraussetzt und damit ebenfalls akzeptiert, dass dieser Mensch seiner Krankheit erliegen wird, scheint mir wiederum der Selbstmord durchaus etwas "befreiendes" zu beinhalten. Zwar kann man voraussetzen, dass die Menschen, die eine aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen oder dies zumindest tun möchten, dies nicht täten, wenn sie nicht an einer schweren Krankheit litten, aber durch diesen Eingriff in ihr Leben, greifen sie der Krankheit vor und nehmen ihr das Sterben vorweg – unter den Umständen, die sie sich selber aussuchen. Sicher ist ein Freitod angesichts des unabwendbaren Endes keine grundsätzlich freie Entscheidung, aber gegenüber dem "natürlichen Tod" erschließt er immerhin die Freiheit, den Zeitpunkt, den Ort und die Rahmenbedingungen selber zu wählen.
Mir geht es ausdrücklich hier nicht darum das Pro und Contra der aktiven Sterbehilfe und ihre Legalität in Deutschland zu diskutieren. Mir ging es lediglich um den Sinn und Unsinn des Wortes Freitods und die implizierten Konsequenzen.
Link ¦ Fr, 13. Nov, 13:29 ¦ Erkennen und Erkenntnis

